„Es rettet uns kein höheres Wesen!“

Stellungnahme der linksjugend [’solid] Aachen zur Frage von Religion und Kirche
10. Mai 2011

Wir sind überzeugt davon, dass es nötig ist diese Welt zu verändern. Doch das können wir nur – wie es im Text der „Internationale“ heißt – „selber tun“. Dementsprechend lassen wir uns nicht auf ein Paradies im Jenseits vertrösten und vertrauen auf die organisierte Kraft der Arbeiterklasse und der Jugendlichen weltweit, anstatt auf irgendeine übernatürliche Macht.

„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes“ schrieb einst Karl Marx.
Die Aufklärung, die Entwicklung von Forschung und Technik und die Erkenntnisse der modernen Wissenschaften haben jahrhundertealte Dogmen zerstört. Dennoch gewinnen Religionsgemeinschaften und Sekten, oftmals besonders reaktionäre und fundamentalistische, überall neue AnhängerInnen. Besonders da, wo Armut, Not und Perspektivlosigkeit besonders groß sind. Für viele Menschen weltweit scheint Religion, mangels „weltlicher“ Alternativen, der einzige Rettungsanker zu sein. Deshalb sind Religionen auch weltweit auf dem Vormarsch, besonders in den Ländern der ex-kolonialen Welt; aber längst nicht nur da.

Gemeinsamer Kampf statt „Teile und Herrsche“
Die Herrschenden weltweit verstehen es gut, Religion(en) dazu zu nutzen, ihre Macht zu legitimieren. Die Führung der großen Religionsgemeinschaften unterstützt die politisch Mächtigen – trotz gelegentlicher Kritik – immer. Selbst Hitler, Franco und Mussolini fanden den Segen der beiden großen christlichen Kirchen. Linksgerichtete Priester und Vertreter der „Theologie der Befreiung“ in Lateinamerika wurden und werden vom Vatikan exkommuniziert. Im Iran lassen die Mullahs Homosexuelle und GewerkschafterInnen hinrichten.
Religion dient aber auch dazu, die Arbeiterklasse weltweit zu spalten. Religiöse Konflikte, die von den Herrschenden tatkräftig gefördert werden, sollen vom wirklichen Gegensatz, dem zwischen Kapital und Arbeit, Arm und Reich, ablenken. In vielen Regionen der Welt erschweren religiöse Spaltungen ein gemeinsames Wirken der ArbeiterInnen für ihre gemeinsamen Interessen: Nordirland, der Nahe Osten und Sri Lanka sind da nur die prägnantesten Beispiele. Die Hetzer und Brandstifter auf allen Seiten ergänzen sich dabei hervorragend. Von US-amerikanischen Priestern, die zu Terror gegen Abtreibungsklinken und zu Koranverbrennungen aufrufen, über Al Quaida, fanatische bewaffnete israelische Siedler in den besetzten Gebieten, Pogrome gegen Moslems organisierende Hindu-Extremisten in Indien, zu europäischen Rechtspopulisten und etablierten Beschwörern der „christlich-abendländischen Leitkultur“ hierzulande: Trotz aller Unterschiede in punkto Militanz stoßen sie in das selbe Horn der Spaltung entlang religiöser Linien.
Wir hingegen betonen die Wichtigkeit des gemeinsamen Kampfes aller arbeitenden Menschen mit und ohne Job weltweit. Dabei ist es egal, ob wir Christen, Moslems, JüdInnen, BuddhistInnen, Hindus, AtheistInnen oder was auch immer sind. Wir haben die gleichen Interessen, die im Gegensatz zu denen der Herrschenden, der Bosse und Superreichen, weltweit stehen.
„Die Einheit dieses wirklich revolutionären Kampfes der unterdrückten Klasse für ein Paradies auf Erden ist uns wichtiger als die Einheit der Meinungen der Proletarier über das Paradies im Himmel.“ (Lenin, Sozialismus und Religion)

Feindbild Islam
Spätestens seit dem 11. September 2001 ist „der Islam“ in den westlichen Ländern zum Feindbild geworden. Die Terroranschläge haben den Vorwand für zahlreiche Kriege um Ressourcen und Einflussgebiete geliefert. Dies ging einher mit einer beispiellosen Hetze gegen muslimische Menschen. Dabei wird „der Islam“ (als wäre dieser vollkommen homogen…) als besonders rückständig, mittelalterlich und frauenfeindlich charakterisiert. Haarsträubender Weise wird dem dann die „christlich-abendländische“ Kultur entgegen gesetzt. Dabei wird bewusst verschwiegen, dass Menschenrechte und die Idee von der Gleichheit und Demokratie sich über die Aufklärung, bürgerliche Revolutionen und schließlich durch die (sozialistische) Arbeiterbewegung gegen den hartnäckigen Widerstand der Kirche durchsetzen mussten.
Natürlich gibt es Frauenfeindlichkeit, Homophobie und rückständiges Denken im Islam, genauso wie in nahezu allen anderen Religionen. Doch diese Dinge lassen sich nur im gemeinsamen Kampf von Frauen und Männern aller Religionen und Nationalitäten überwinden. Die revolutionäre Bewegung in Ägypten am Anfang 2011 hat gezeigt, wozu eine Bewegung fähig ist, in der Frauen und Männer sämtlicher Religionen und AtheistInnen solidarisch und gemeinsam wirken.
Darüber hinaus ist die Anti-Islam-Hetze, die sich bisweilen pseudo-fortschrittlich verkauft, zutiefst verlogen:
Denn die Gesellschaft, in der wir leben, ist selbst massiv von Sexismus und Ungleichbehandlung von Männern und Frauen geprägt, was allein schon bei einem Blick auf Einkommensunterschiede bei gleicher Qualifikation und anderen Formen von alltäglichem Sexismus deutlich wird.
Die linksjugend [’solid] Aachen wendet sich entschieden gegen Anti-Islam-Hetze und kulturellen Rassismus, der die Gräben zwischen den verschiedenen Teilen der Arbeiterklasse und der Jugend (bewusst) vertieft und reaktionären Ausformungen von Religion nur unnötigen Auftrieb gibt.
Wir betonen stets das Gemeinsame und verteidigen entschieden die Rechte aller religiösen Minderheiten, ihre Religion frei auszuüben, solange andere dadurch nicht geschädigt werden.

Das Mittelalter überwinden – Für eine Trennung von Kirche und Staat
Der Staat in dem wir leben ist keineswegs fortschrittlich! Obwohl ein Großteil der Bevölkerung mit dem von den Kirchen vertretenen Glauben wenig am Hut hat (in Ostdeutschland sogar die übergroße Mehrheit) ist der gesellschaftliche und politische Einfluss der Kirchen (vor allem im Westen) überdurchschnittlich hoch. Das zwischen den Nazis und dem Vatikan geschlossene Reichskonkordat ist immer noch in Kraft und die Evangelische Kirche ist über das Landeskirchenwesen traditionell eng mit dem Staat verbunden. So gehört Deutschland auch zu den wenigen Ländern Europas, in denen der Staat noch Steuern für die Kirche einzieht.
Für einen Kirchenaustritt werden skandalöser Weise auch noch Gebühren verlangt!
In vielen öffentlichen staatlichen Gebäuden hängen Kruzifixe und demonstrieren so die Vorherrschaft der „christlichen Leitkultur“ und die Privilegierung der christlichen Religion gegenüber Andersgläubigen und AtheistInnen.
Die beiden großen Kirchen sitzen auch im Rundfunkrat der öffentlich-rechtlichen Radio- und TV-Sender und dürfen damit das Programm mitbestimmen. Der Einfluss der Kirche auf die Schule ist immer noch sehr groß: Selbst in staatlichen Schulen gibt es konfessionellen Religionsunterricht. Bei Kindergärten und Grundschulen kommen Eltern in vielen Gegenden nicht an kirchlich ausgerichteten Einrichtungen herum. Noch stärker gilt das für soziale und karitative Einrichtungen: Caritas und Diakonie sind bei Altenpflege, Behindertenbetreuung und sozialen Diensten absolute Monopolisten.
Der deutsche Staat ermöglicht es kirchlichen Einrichtungen, als so genannte „Tendenzbetriebe“, intern ihre eigene Parallelgesellschaft zu schaffen mit einem eigenen Rechtsraum, in dem Anti-Diskriminierungsgesetze und andere demokratische Errungenschaften nicht gelten. Homosexualität und Elternschaft ohne Trauschein sind dort ebenso legale Kündigungsgründe wie Gewerkschaftsmitgliedschaft. Betriebsratsbildung ist dort -vom deutsche Recht gedeckt- untersagt. Wir sagen: Damit muss Schluss sein!
Zunehmender Sozialabbau, Kürzungspolitik bei staatlichen Einrichtungen und Sparprogramme im Bildungssektor verstärken den ohnehin schon starken Einfluss der Kirche. Verarmung und Vereinsamung treiben viele Menschen – ob gläubig oder nicht – in die Hände der Kirche, die oftmals als einzige Jugendfreizeiten, Altentreffpunkte, psychosoziale Beratungsdienste, Tafeln und Suppenküchen anbietet. Offenbar profitieren beide Seiten, bürgerlicher Staat und Kirche, vom Sozialbbau: Der Staat spart Geld, indem die Kirche öffentliche Aufgaben übernimmt und die Kirche profitiert direkt von der Armut: Caritas und Diakonie beschäftigen im großen Stil 1-€-JobberInnen.
Die großen Kirchen präsentieren sich gerne als moralische Mahnerinnen und als „soziales Gewissen“ der Gesellschaft. Stattdessen aber gehören sie bzw. ihre Spitzen (ungeachtet des zum Teil ehrlichen sozialen Engagements einiger dort Aktiver) zu den größten Nutznießern von Sozialabbau und Armut.
Wir sehen also: Die Trennung von Staat, Gesellschaft und Kirche/Religion ist also eine noch zu bewältigende Aufgabe!

Forderungen der linksjugend [’solid] Aachen:
-Nein zu jeder Spaltung entlang religiöser Linien! Gemeinsamer Kampf für soziale und demokratische Rechte!
-Nein zur Diskriminierung religiöser Minderheiten! Gleiche Rechte für alle hier lebenden Menschen! Für das gleichzeitige Recht muslimischer Frauen, das Kopftuch zu verweigern als auch gegen staatliche Verbote, es zu tragen!
-Für eine konsequente Trennung von Kirche und Staat: Auflösung aller Konkordate!
-Schluss mit der staatlichen Finanzierung und Privilegierung von Religionsgemeinschaften!
-Religiöse Symbole raus aus staatlichen Einrichtungen!
-Für eine Trennung von Kirche und Schule! Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts an Schulen und Einführung eines Lehrfachs Religionskunde, das objektiv und wissenschaftlich über verschiedene Religionen informiert.
-Durchsetzung voller gewerkschaftlicher Rechte und Aufhebung aller internen Diskriminierung in kirchlichen Betrieben! Weg mit 1 €-Jobs und Ausbeutung im religiösen Gewand!
-Verstaatlichung aller nicht der Religionsausübung dienenden kirchlichen Einrichtungen unter demokratischer Kontrolle der Beschäftigten!

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